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art | photography

H_max

»reappropriation of information is interpretation«


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Diverse Ausschnitte, 8 Blatt, 120 x 100 cm

Daten fallen an. Ich werde fixiert, gescannt, durchleuchtet. Werde erfasst und vermessen. Mein Innerstes wird sichtbar, die Struktur meines Schädels wird offen gelegt. Außen und innen verkehren sich durch unsichtbares Licht, Energie, die mich – umfasst und eingespannt von einer steril weißen, mechanisch surrenden, ratternden Maschine – durchdringt. Die Verwandlung meiner physischen Präsenz in ein informationell hyperpräzises Abbild wird vollzogen. Erst analog, dann digital.
Der A/D-Wandler verrichtet sein übersetzendes Werk. Er ist das Tor in eine vernetzte, gleißend helle Glasfaserlaserelektronentransistorenwelt. Ich werde Bits und Bytes in einer Sequenz von digitalen computer-tomografischen Aufnahmen. Man nennt es medizinisch: »Strukturen darstellen«.
Ich weiß nicht, was man da sieht. Strukturen, abstrakte Schemen, Knochenschlieren, Überlagerungen. Es erschließt sich mir nicht, auch wenn ich die Einzelaufnahmen zu einem Film animiere. Es bewegt sich, der Schädelknochen dreht sich, die Bilder suchen eine Form zu leben, bleiben aber fremd und seltsam. Wie Abgüsse von Fossilien oder Atacama-Wüstenbilder. Bin das ich? Es findet sich keine Ebene der Identifikation, der Abgleich als identitätsstiftendes Suchen und Auf-Sich-Beziehen misslingt. Rein technische Wiedergabe ungesehener »Strukturen«, Informationen nur für Eingeweihte, Wissende, Sehende – ich bin nicht mehr für mich, meine Erscheinung erscheint verschlossen und abweisend. Mein Selbst ist nicht Element des Abbildes, keine Spur von Subjekt und Leben im Abbild des Belebten, das nur 0 und 1 sein kann und nichts dazwischen.
Ich will meine Bilder wiederhaben! Meine elektronische Bildpräsenz zurückgewinnen. Mich tätig umformen, überformen, der digitalen Welt entreißen, in meine Bilder von mir zurückkehren.

Das Experiment beginnt.

Das Digitale bleibt digital. Soviel steht fest. Es gibt keinen Weg zurück zu mir. Keine D/A−Wandlung, die über das Abbild hinausgeht. Der bildhafte Abzug entsteht, während Leben, Subjekt und Individuum verschwinden.

Mir bleibt nichts übrig, als mich in meine Daten einzumischen.

Der erste Entschluss:

Kopf_01.mov (24.144.534 Byte) wird Text. Ich stelle mich selbst, meinen Schädel, dar als Text. Vielleicht gibt der Text ja Aufschluss über das Quant Ich in meiner Datenfassung. Der Code bleibt kryptisch, es gibt nichts zu sehen. Sonderzeichen und Buchstaben über 3238 Seiten DIN A4. Lesbar und unbegreiflich steht der Code vor mir. Das bin nicht ich, keine Spur von mir, außer dem Resultat meines Entschlusses: meine Bildinformation ist nun Text, der Interpretationshoheit der Filmsoftware entrissen sind die Daten nackt geworden. Ihnen fehlt die Interpretationsmatrix der Software, ohne die sie weniger sind als Information. Sie sind nur noch Datenaufkommen, ein indifferentes, digitales Volumen.

Der zweite Entschluss:

Text wird Bild durch manuelle Verdichtung. Ich lege Druckbögen an. 800 x 800 mm. Ich übertrage den Text. 3238 Seiten Kopf_01.mov werden manuell komprimiert. Schriftgröße 10, Arial. Ich lösche von Hand Umbrüche und Leerzeichen ('fn' + 'return' und 'fn' + '→'). Der Code wird dichter. Ich springe durch den Code, simultane Vorverdichtung an vielen Orten. Zeile um Zeile ziehe ich zusammen. Die Fläche wird Bildraum. Das Datenvolumen wird als Code neu interpretiert. Durch mich, nicht durch QuickTime Player Version 10.0. Mehr und mehr werden Codezeilen zu Orten im Bildraum. Die Zeilen gewinnen lokalisierende, formgebende Qualität. Zeichen wiederholen sich, Wiederholungen bilden Netze, der Code steht als Abbild immer mehr für sich, immer weniger für mich oder das Rätsel meiner Digitalisierung. Die Orte größerer und geringerer Verdichtung bilden Relationen, heben sich empor und schwächen sich ab. Das Eigenleben des Codes nimmt durch manuelle Verdichtung Form an. Das Datenaufkommen wird zum Raumvolumen-Code der für sich steht, digitale Präsenz pur. Abbild eines Abbilds der Binärwelt.

Der dritte Entschluss:

Ich muss loslassen. Der Anspruch, alle Zeichen des Codes zu erhalten, ist nicht zu halten. Ich mache Fehler. Manuelle Verdichtung ist Interpretation, solange ich sie in meinem Tempo betreibe. Denn mein Tempo ist schneller als die Perfektion der Binärwelt erlaubt. Immer wieder werden Zeichen im Rhythmus meiner Tastenanschläge unwillkürlich gelöscht. Leerzeichen werden überschrieben, Symbole verfrachtet. Dies rückgängig zu machen geht nur, wenn ich es rechtzeitig merke. Ich mache Fehler und sie werden Element des Codes. Ich programmiere mich im Akt der manuellen Komprimierung und Bildformung ungewollt ein. Ich nehme das an und glaube, es steckt nun mehr Wahrheit im Ergebnis. Wahrheit darüber, dass ich es bin, der da mit seinen Daten ringt; der sich entschlossen hat, seine Binärrepräsentanz wieder auf sich zu verpflichten; auf einer neuen, bildnerischen Ebene neu zu bewerten, zu erfassen und auszuloten.

Der vierte und letzte Entschluss:

Jetzt greife ich ein. Mein Code, der in seiner eigenen Welt lebt und angefangen hat Imperfektion und Raum zu atmen, gehört mir! Indem ich den Raum der Zeichen und Zeilen aktiv nutze, ihn frei räume und Leerstellen schaffe, ordne ich den Code nach meinem Bilde um. Ich werde Gott-Setzer einer Datenflut, die ich nicht beherrsche. Meine Gewichtung, die nicht Maß nimmt am Code, zählt. Meine ästhetische Interpretation verschiebt die Symbole.

My reappropriation of information is interpretation. Anders kann es nicht sein.

Meine Datei gehört mir!